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Allgemein

Shortstory

By 3. Januar 2018 No Comments

Gino hat vier ältere Brüder. Einer davon ist Murat. Murat war nicht stark. Dafür ein Löwe. Einer, der sich seine Krallen zwischen himmelragenden Betonklötzen und geteerten Spielplätzen stumpf gelaufen hat.

In seinem Leben gab es keinen Platz für Poesie. Keinen Platz für ein Jahr in Amerika und keinen Platz an der Hochschule. In seinem Leben gab es nur Geschäfte.

Murat dachte an seine kleine Mutter. Sie wird noch vor dem Fernseher gesessen und sich ihre Seifenoper angeschaut haben. Überrascht hatte sie nach ihm gerufen, als es so spät noch klingelte…

Murat zog sich die Jacke an und trat in den Flur. Durch das uneinsichtig gebrochene Glas der Wohnzimmertür flackerte der Blauschimmer des Fernsehers. Er blieb einen Moment im Dunkeln stehen. Er sah seine Mutter vor sich, vor dem Fernseher sitzend, die Hände über ihren dicken Bauch gefaltet, unter einem Landschaftsbild heimatlicher Berge und einem schwarz umrahmten Bild seines Vaters.

Vor einem Jahr hatte sein Schwager ihm den Job am Hafen besorgt. Container ein- und ausladen. Während andere eine Schicht schoben, schob sein Schwager zwei. Für ein Haus. Murat hatte den Job nur angenommen, damit seine Mutter Ruhe gab. Weil er nicht mehr länger das schwarze Schaf sein und sich nicht mehr länger die neunmalklugen Belehrungen seiner Brüder anhören wollte. Die mit ihm sprachen, als wäre er 15, wie damals, als sein Vater starb und sie sich im Wohnzimmer versammelt hatten und ihm die Obhut der Mutter und seines kleinen Bruders Gino, der erst ein halbes Jahr alt war, übertrugen, in zähen, langatmigen Gesprächen, mit strengen Blicken und Augenbrauen, die ständig in die Höhe gezogen wurden und Händen, die unwirsch durch die Luft wirbelten und nach seinen Schultern griffen und an ihnen rüttelten. Er hatte schweigend genickt zu allem, was sie ihm sagten, ohne wirklich zuzuhören und nach dem Geklapper der Töpfe seiner kleinen Mutter in der Küche gelauscht. Seine Mutter wusste, was die Söhne mit ihm besprachen. Und sie hatte zu Allah gebetet, dass alles gut wird.

Murat hatte versucht, es am Telefon zu klären. Aber man hatte ihn nur angeschrien, ob er denn spinne, auf dem Handy anzurufen. Man schrie ihn an, er solle sofort kommen, er hätte eine Stunde Zeit, wenn er dann nicht da wäre…, beließ den Satz in der Schwebe und hatte aufgelegt.

Während Gino in seinem Bettchen schlief, ist seine Mutter ächzend aufgestanden, hatte das Gesicht wegen der Schmerzen in ihren Gelenken verzogen und war zur Tür gegangen. Mit ihren kleinen, behäbigen Schritten, die ihren Körper von rechts nach links wippen ließen wie bei einer Ente. Sie wird durch die geschlossene Tür gerufen haben, wer denn da sei, man antwortete ihr, dass man ein Freund ihres Sohnes Murat wäre, und sie hatte geöffnet…

Murat war nicht stark. Dafür ein Löwe.

Murat würde ein Flugticket kaufen und es seiner Mutter auf den Tisch legen. Mit einem Blumenstrauß. Er hätte das Geld seit Monaten gespart, wird er ihr sagen. Vom Job im Hafen. Und sie wird es glauben und überglücklich sein und stolz auf ihn. Er wird eine Wohnung für sich gefunden haben und ihrer Heimkehr würde nichts mehr im Wege stehen. Gino würde sie mitnehmen. Und wenn Murat selbst erst eine Wohnung hätte, mit schicken Möbeln, wird er wie sein Schwager zwei Schichten durchziehen, für ein paar Jahre, und ein Geschäft aufmachen. Und dann wird er jemand sein.

Seine Mutter wurde von seinen Brüdern unterstützt. Mit ihrer Witwenrente konnte sie ganz gut davon leben, und wäre Murat endlich auch verheiratet, hätte er einen guten Job und eine eigene Wohnung, würde sie heimkehren. Dorthin, wo ihre Geschwister lebten und wo sich auf dem Dorffriedhof das Grab des Vaters befand. Er wusste, dass sie hier nichts mehr hielt, nur ihre Sorge um ihn. Dass es sie, seitdem sein Vater nicht mehr da war, fast umbrachte vor Sehnsucht nach ihrer Heimat.

Stets, während seine kleine Mutter in der Küche das Essen zubereitet hatte, sparte sie nicht mit klugen Geschichten aus der Heimat, Geschichten, die Weisheit lehrten und Voraussicht. Die vor Augen führten, worauf es im Leben ankam. Er hatte sich die Geschichten gerne angehört. Und sich klüger gefühlt als seine Brüder. Und geliebter. In der Schule lief es einigermaßen, gut genug, um das Versprechen seines Vaters, der ihm eine Lehrstelle in seiner Firma besorgen wollte, wenn er soweit war, einzulösen.

Er erinnerte sich an jenen Nachmittag, als sein Vater wortlos nach Hause gekommen war. Später als sonst. Er hatte Murat nur halbherzig begrüßt, ist mit der Mutter in das Schlafzimmer verschwunden und er hörte noch, wie seine Mutter besorgt fragte, was denn los sei. Und wenig später hörte er ihren unterdrückten Aufschrei. Und er stand im Flur und eine große Furcht überkam ihn. Nach einer Zeit ist seine Mutter herausgekommen, nur um ihm Abendbrot zu machen und ihre Augen waren verweint gewesen und als sie Murat so verloren da stehen sah, kamen ihr wieder die Tränen und sie presste ihn schnell an ihren Schoß, damit er es nicht sehen konnte und schickte ihn in die Küche und machte ihm Brot. Er fragte, was denn passiert sei und schaute sich nach seinem Vater um, der im Schlafzimmer geblieben war, aber seine Mutter sagte nur, es wird alles wieder gut, sie müssten nur beten, Allah wird ihnen beistehen. Und er betete. Morgens, mittags, abends. Er wusste nicht wofür, doch er betete inständig darum, dass alles gut werden würde. Es wurde nicht alles gut, aber sie bekamen Zeit. Fünf Jahre brauchte der Krebs, bis er seinen Vater aufgefressen hatte. Fünf schweigsame, trübe Jahre. In dieser Zeit hielt er es zuhause kaum mehr aus. In dieser stillen Wohnung. Unter den verweinten Augen seiner Eltern. Unter den betretenen Besuchen seiner Brüder und Schwestern, die ihn stets ermahnten, auf die Eltern gut aufzupassen, bald sei er der Mann im Haus. Er vertrieb sich die Zeit lieber am Corner. Und er schmiedete Pläne für die Zeit, da sein Vater nicht mehr sein würde. Pläne, die seine Mutter absicherten und seinen Brüdern zeigen sollten, dass er ihre Ermahnungen und Belehrungen nicht gebraucht hätte. Pläne, die weit über das hinausgingen, was man von ihm erwartete. Und jetzt war es endlich soweit, er würde die dicke Kohle machen und seiner kleinen Mutter einen Traum erfüllen.

Murat war nicht stark. In seinem Leben gab es keinen Platz für Poesie.

Er war bis zum Hauptbahnhof gekommen. Und seine Angst vor dem, was ihn erwartete, war mit jeder Station größer geworden, und mit jeder Ansage „Zurückbleiben bitte“ war ihm, als würde die Vorsehung zu ihm sprechen. Zuviel Kohle war den Bach runter. Es ging um ein 2 Kilo Kokspaket, das verloren ging und Murat war der Kurier dieses Pakets gewesen. Er war der Kurier schon sehr vieler Pakete gewesen und immer zuverlässig. Nie zu spät. Bis aufs Gramm immer alles da. Nach einem halben Jahr gütlicher Zusammenarbeit stellte man ihm einen Chauffeur zur Verfügung, einen Taxifahrer, der eigentlich keiner war, sondern Mitglied der Familie. Und die Familie vergab keine zweite Chance. Sie waren nicht die Corleones aus ´nem Film. Sie waren real und hart. Wie konnte das Paket verloren gehen? Polizeikontrolle. Der Fahrer sagte noch, es wäre nicht nötig, das Paket kurzfristig loszuwerden, darum war er Taxifahrer geworden, Taxen wurden so gut wie nie kontrolliert. Doch Murat ging der Arsch auf Grundeis. Was soll man sagen? Sie wurden nicht kontrolliert und als sie das Paket später aus dem Versteck holen wollten, war es weg. Zugegeben, es war keine Zeit da, um ein wirklich gutes, sicheres Versteck zu finden. Zugegeben, es war ein Wurf in ein Gebüsch. Im Nachhinein betrachtet war es ziemlich dumm weil riskanter als eine Taxifahrt durch eine Polizeikontrolle.

Und sie waren hereingestürmt und haben ihr den Mund zu gehalten, und während zwei oder drei die Zimmer nach ihm absuchten, schleppte der eine seine Mutter in das Wohnzimmer und deutete ihr, still zu sein…

Als sein Handy klingelte, erkannte er an der Nummer, dass es sein Bruder war. Es gab nur einen Grund, warum er anrief. Er wird ihm sagen, dass man die Mutter mit einem Kopfschuss in der Wohnung aufgefunden hat. Übel zugerichtet. Er wird ihn fragen, wo er ist und ob er etwas weiß. Er wird ihm antworten, dass er keine Ahnung hätte, was da gelaufen wäre. Und seine Brüder werden es ihm nicht glauben. Denn wer sollte Interesse daran haben, die Mutter zu töten. Wer kam schon mit einer Waffe, wenn er nicht ihren Sohn suchte. Seine Brüder werden ihn verstoßen und verfluchen. Vielleicht würden sie ihn sogar an die Bullen verpfeifen. Oder gar töten. Er schaltete das Handy aus.

So durfte es nicht enden!

Murat war stark. Ein Löwe. Einer, der sich seine Krallen zwischen himmelragenden Betonklötzen und geteerten Spielplätzen geschärft hat.

Eine Handgranate. Für alle Fälle. Murat durfte nicht zulassen, dass seiner Mutter etwas passierte. Er musste das regeln. Sie werden sehen, was sie davon haben, ihn zu verarschen. Vielleicht geht er mit drauf, vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Er saß in seinem Kinderzimmer, hörte durch die dünnen Wände die türkische Seifenoper, die sich seine Mutter anschaute und holte unter der Matratze seine beiden Waffen hervor. Er schob die beiden Waffen in seinen Hosenbund, die Handgranate in die Jackentasche. Er ging zu seiner Mutter ins Wohnzimmer und erzählte ihr die halbe Story. Nicht alles. Das Koks erwähnte er nicht. Seine Mutter weinte nicht. Sie brach auch nicht in hysterisches Geschrei aus. Vielleicht hatte sie etwas geahnt. Sie rief ihre Schwägerin an, holte den kleinen Gino aus seinem Bettchen, packte ein paar Sachen zusammen und verließ die Wohnung. Im Flur drehte sie sich noch einmal zu ihrem Sohn um und küsste seine Augen.

Er wird ihnen die Granate in das Café schmeißen und jeder, der raus gerannt kommt, fängt ´ne Kugel. Und dann wird er seiner Mutter ein Flugticket besorgen. Diese Woche noch. Diese Woche sollte sie heimkehren und stolz sein auf ihren Murat. Das war sein Plan. Schon immer gewesen…

Gino konnte sich nicht an Murat erinnern. Er war erst zwei gewesen, als sein Bruder verschwand.

Und es gab keine Explosionen. Keine Schüsse in einem Café.

Keine Spur von einem Löwen.

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