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Allgemein

Meine Weste

By 3. Januar 2018 No Comments

In meinem Schrank, da hängt ´ne dreckige Weste. Das ist meine dreckige Weste, hab ich jahrelang getragen und wenn du sie umdrehst, sind da noch mehr Flecken, aber ich hatte nix anderes anzuziehen gehabt und bevor ich nackt rumlaufe in dieser kalten Welt,

trag ich doch lieber diese Weste als gar nichts, und diese für so viele schäbige Weste hat mich tatsächlich warm gehalten und manchmal, wenn es hart auf hart kam, war sie ein Panzer.

Schau, der Fleck hier, das ist mein Corner mit den jointsverrauchten Dönerabenden vor dem Imbizz mit den Jungs, der kleine Fleck, das ist meine erste Knastnacht wegen ´ner Schlägerei mit Nazis, dort ein Blutfleck wegen ´ner Schießerei hinterm Kino, die nicht aktenkundig wurde, und hier, richtig dunkler Fleck, das ist mein Kumpel, der breit von ´ner S Bahn gegen ´nen Pfeiler klatscht, und der Spritzer, das ist der ständig leere Kühlschrank, und da, kaum zu sehen, der ewig vollgepisste Fahrstuhl zum 14. Stock, hier, dreh mal um die Weste, von Innen nach Außen: lauter Flecken von ignoranten Lehrern und rassistischen Beamten, die dir und deinen Eltern ´ne 6 verpassen, Wohnungsbrand, Feuerbergstraße, Papas Spielsucht und Papas Gürtel, Schwester auf LSD und hier, dieser Dreck, das sind sechs Beamte, die mir in ´nem 1 Meter mal 1 Meter Fahrstuhl die Luft abdrücken…

Aber wenn man mal genauer hinschaut und die Weste gegen das Licht hält, da siehste, es gibt auch noch saubere Stellen, da findest du Gott und Jesus, der Besuch meines Onkels aus Amerika, mein Opa, der Marienkäfer auf der Fingerspitze meines kleinen Bruders, das rote Bonanzarad, das mir mein Vater geschenkt hat und Familientage, wo wir Kinder mit unseren Eltern den ganzen Tag lang einen Lachflash miteinander geteilt haben. Da sind die Tage, die mich mein Vater mit zum Hafen genommen hat und Mamas Bibelgeschichten am Abend vor dem Einschlafen.

Ich wünsche jedem einen anständigen Anzug statt so ´ner Weste, doch meine würde ich jetzt nicht mehr eintauschen wollen, ich bin halt so nackig mit dreckiger Weste groß geworden, viel schwarze Haut zu sehen, und ich hab was darüber zu erzählen, hier hört euch an, wie verhurt, wie schön, wie laut, wie geil und wie beschissen alles war, wie tot, wie eng, wie steinig, und schaut mal, wie geil mir die Weste gestanden hat und erstaunlich, wie viel Gezerre, Geprügel, Stechereien, Verhaftungen und Schwitzkästen meine Weste ausgehalten hat, ohne auseinander zu fallen. Und ich sehe es nicht ein, dass ich mich für sie schämen müsste oder sie nicht mehr aus dem Schrank holen sollte, um sie anzuziehen und mich euch darin zu zeigen, denn wie gesagt, ohne sie wäre es kälter gewesen.

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